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Missbrauch: 30-Jähriger soll sich an zwei Heimkindern vergangen haben

missbrauchsprozess
Im Saarland steht ein Mann im Verdacht, zwei Kinder aus einer Caritas-Einrichtung sexuell missbraucht zu haben. Trotz des Wissens des Heimes soll die Tat erst Wochen später bekannt geworden sein.

Von Michi Jo Standl

Saarbrücken. Sexueller Missbrauch von Kindern – ob in der Familie oder durch Fremde – ist mitunter eines der schlimmsten Verbrechen. 2019 erfasste die Polizei deutschlandweit 15.701 Fälle. Wenn man an die Dunkelziffer – laut Kinderschützer jährlich eher im sechsstelligen Bereich – denkt, muss man nicht besonders empathisch sein, damit es einem die Zornesröte ins Gesicht treibt. Stets bleibt die Frage nach dem „Warum?“, die für Bürger selbst durch psychiatrische Gutachten meist unbeantwortet bleibt.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Einrichtung

Vor der großen Jugendkammer des Saarbrücker Landgerichts ist ein 30-Jähriger angeklagt. H. S. wird beschuldigt, den zum Tatzeitpunkt 11-Jährigen Kevin* und die damals 10 Jahre alte Annika* sexuell missbraucht zu haben. Die Kinder waren in einer Wohngruppe für Kinder aus teils schwierigen Verhältnissen der Caritas-Einrichtung „Haus Christophorus“ im Saarlouiser Stadtteil Fraulautern untergebracht. Das Haupthaus befindet sich in Dillingen/Saar. Zu der abscheulichen Tat soll es am 3. September 2019 gekommen sein. Die Kinder waren alleine außerhalb der Wohngruppe unterwegs. Zwei Tage später vertrauten sie sich einer Erzieherin an. „Wir mussten das erst verarbeiten“, wird Kevin seiner Mutter Anne C. später erklären. Die Einrichtung soll nicht auf die Berichterstattung der Kinder reagiert haben – keine Anzeige, kein Gang zum Arzt. Auch die Mutter soll nicht informiert worden sein. Erst am 21. September hatte Kevin‘ bei einem Besuchskontakt die Möglichkeit, ihr von dem schrecklichem Vorfall zu berichten. Anne C. war außer sich und erstattete Anzeige gegen die Einrichtung wegen Strafvereiteilung. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken bestätigte, dass gegen das „Haus Christophorus“ ermittelt wird. Kevin wohnt inzwischen wieder bei seiner Mutter und seinem Stiefvater. Annika hingegen befindet sich immer noch in der Einrichtung, da für sie das Sorgerecht – im Gegensatz zu Kevins Mutter für ihren Sohn – das Jugendamt hat.

In einem Waldstück soll es passiert sein

An jenem spätsommerlichen Septembertag wurde Kevin und Annika von den Erzieherinnen offenbar erlaubt, die Innenstadt von Saarlouis zu besuchen, wenige Minuten mit dem Bus. Sie verbrachten einige Stunden zusammen, bevor sie wieder zur Gruppe fahren wollten. An der Bushaltestelle am Hauptbahnhof soll S. die Kinder angesprochen haben. Wie Kevin seiner Mutter erzählte, habe sich der mutmaßliche Täter als „Alex“, 17 Jahre, vorgestellt. „Er hat uns daran gehindert, in den Bus einzusteigen“, führt Kevin seiner Mutter gegenüber aus. Also haben sich die Kinder zu Fuß auf den Weg gemacht. S. soll die beiden überredet haben, ihn zu begleiten. In einer Unterführung am Hauptbahnhof kam es laut Kevin zum ersten Übergriff. S. soll den Kindern jeweils eine Zigarette in den Mund gesteckt und diese angezündet haben. „Das haben wir aus Angst gemacht“, so Kevin. Auf der Strecke in Richtung Fraulautern in einem kleinen Waldstück soll es zu der widerwärtigen Tat gekommen sein: Nachdem S. die Kinder erneut zum Rauchen überreden wollte, was sie verweigerten, soll es zum schweren sexuellen Missbrauch an Kevin und sexuellen Missbrauch an Annika gekommen sein. Die Polizei konnte den Tatverdächtigen ermitteln, da er bereits im August im Bereich der Wohngruppe auffällig geworden sein soll.

Anzeige war nicht mehr auffindbar

Während der Ermittlungen gegen der „Haus Christophorus“ waren die Verfahrensakten verschwunden. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Saarbrücken, Mario Krah, bestätigte das Abhandenkommen der Unterlagen. „Die Verfahrensakte wurde von der zuständigen Dezernentin an die zur Bearbeitung von Sexualdelikten zuständige Fachdienststelle des Landespolizeipräsidiums abverfügt und kam dort nicht an oder ging dort im Geschäftsgang verloren“, erklärt Krah. Die Ursache könne er allerdings nicht nachvollziehen. So etwas käme immer wieder vor. Er gehe aber nicht davon aus, dass die Akten absichtlich entwendet wurden.

Vor Jahren schon Ermittlungen wegen Kinderpornos

Wie die Staatsanwaltschaft Saarbrücken bestätigte, war gegen den Tatverdächtigen bereits 2013 ein Verfahren wegen des Verdachts der Verbreitung von kinderpornographischen Schriften anhängig. Das Verfahren sei damals aber unter dem Gesichtspunkt der Gesamtstrafenbildung eingestellt worden, erklärt Staatsanwalt Krah. Der Angeklagte in dem aktuellen Strafverfahren wurde damals rechtskräftig wegen Wohnungseinbruchsdiebstahls und mehrerer Diebstahldelikte zu einigen Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Bei mehreren Delikten kann ein Verfahren zu einem Vorwurf, der bei einer hohen Gesamtstrafe nicht sonderlich ins Gewicht fällt“, nach § 154 Strafprozessordnung (StPO) eingestellt werden. In welchem Ausmaß der Angeklagte Kinderpornos verbreitet haben soll, teilte die Staatsanwaltschaft nicht mit.

Sowohl für den mutmaßlichen Täter als auch die Einrichtung und die Erzieherinnen gilt bislang die Unschuldsvermutung.

* Namen geändert

Foto: Standl