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Missbrauchsprozess: Anwältin zwischen zwei Stühlen?

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Der Missbrauchsprozess, die Caritas und deren externe Beraterin: Rechtsanwalt Arne Michels (Foto) erklärt im Interview, warum beim Prozess gegen einen Dreißigjährigen wegen sexuellen Missbrauchs die Anwältin der Nebenklägerin in ein Dilemma kommen könnte.

Von Michi Jo Standl

Saarbrücken. „Ein Anwalt darf zwischen dem einen und anderen Auftraggeber hin und her wechseln, solange er nicht in derselben Angelegenheit beziehungsweise im selben Prozess vorbefasst ist“, erklärt der Bochumer Rechtsanwalt Arne Michels (Foto). Doch beim derzeit in Saarbrücken laufenden Prozess wegen sexuellen Missbrauchs an zwei Kindern sieht der Jurist ein Problem, in das die Anwältin der Nebenklage geraten könnte.

Anwältin der Nebenklage arbeitet für Caritas

Angeklagt ist ein Dreißigjähriger aus Saarlouis. Der Vorwurf: Er soll vergangenes Jahr einen damals elfjährigen Jungen und ein zehnjähriges Mädchen missbraucht haben. Zum angeblichen Tatzeitpunkt lebten beide in einer Wohngruppe des „Haus Christophorus“ mit Sitz in Dillingen/Saar. Der Beschuldigte war nicht in der Einrichtung beschäftigt, soll die Kinder auf der Straße angesprochen haben. Die Mutter des Jungen wird als Nebenklägerin von der Rechtsanwältin Rosetta Puma vertreten – im Saarland eine Koryphäe, wenn es um Missbrauch und Kinderschutz geht. Die Saarbrücker Juristin ist auch Opferanwältin im Rahmen der Aufklärung des Missbrauchsskandals an der Uniklinik Homburg. Doch nicht nur: Sie arbeitet auch für die Caritas als externe unabhängige Beraterin in Sachen sexualisierte Gewalt. Und das könnte sie laut Michels zumindest in ein moralisches Dilemma hieven. Denn die Saarbrücker Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen das „Haus Christophorus“, dessen Träger die Caritas ist. Die Betreuerinnen sollen vom vermeintlichen Missbrauch gewusst , aber weder die Polizei informiert noch die Kinder zu einem Arzt gebracht haben.

Kann man von einem Interessenkonflikt sprechen? „Eine echte Interessenkollision im Sinne eines möglichen Ausschlussgrundes für die Wahrnehmung der Rechte der Nebenklägerin sehe ich nicht“, sagt Michels. Das liege an der sehr engen Definition im anwaltlichen Berufsrecht. Denn die Tätigkeit als externe Beraterin der Caritas alleine begründe noch nicht dieselbe Angelegenheit.

Vermeintliche Fehler der Einrichtung müssten beleuchtet werden

„Ich denke allerdings, dass hier eine unechte Interessenkollision vorliegen könnte“, analysiert Rechtsanwalt Michels und zieht in Bezug auf Pumas Tätigkeit für die Caritas das Sprichwort „Beiß niemals die Hand, die Dich füttert“ als volkstümlichen Vergleich heran. Juristische Fälle seien sehr häufig verwoben, so der Anwalt. Er hält es deshalb für schwierig, die Nebenklägerin zu vertreten und gleichzeitig für eine Institution tätig zu sein, deren vermeintliche Fehler innerhalb des Verfahrens beleuchtet werden müssten. Das Interesse des Nebenklägers sei stets, eine vollständige Sachaufklärung zu erfahren, so Michels. Noch schwieriger wäre es laut dem Rechtsanwalt, wenn aus einer Nebenklage ein sogenanntes Adhäsionsverfahren – also die Forderung von Schmerzensgeld – wird. Das könne schnell geschehen. „Dann würde ein handfestes Problem auftreten“, sagt Michels. „Denn ein Mitverschulden der Caritas dürfte dann nicht mehr wegzudiskutieren sein – wenn sich der Fall so darstellt, wie es derzeit den Anschein erweckt.“

Foto: HMK Rechtsanwälte

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