missbrauch
Symbolbild: RĂŒdiger Schön/pixabay.com

Missbrauch: Angeklagter wollte aus U-Haft

Artikel mit Freunden teilen
Share on Facebook
Facebook
Pin on Pinterest
Pinterest
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Lesedauer 3 Minuten

Der wegen schwerem sexuellen Missbrauchs an Kindern angeklagte Psychologe Walter P. (74) hÀlt die Justiz weiter auf Trab, beschÀftigte sogar das Bundesverfassungsgericht.

Von Michi Jo Standl

+++ Update 11. Dezember 2020: Der Angeklagte wurde vom Landgericht SaarbrĂŒcken verurteilt. Lesen Sie mehr dazu hier. +++

SaarbrĂŒcken. Der Psychologe Walter P. ist vor der Großen Jugendkammer II des Landgerichts SaarbrĂŒcken angeklagt. Der schwere Vorwurf: Er soll zwischen 2004 und 2006 einen damals minderjĂ€hrigen  Jungen missbraucht haben. Dieser war bei dem Diplom-Psychologen in Langzeit-Therapie. Bereits vor acht Jahren beschĂ€ftigte der Fall das Gericht. Er wurde damals zu sechs Jahren Haft verurteilt. Doch dann die Wende: Der Bundegerichtshof (BGH) hob 2012 das Urteil auf und gab die Sache an das SaarbrĂŒcker Landgericht zur Neuverhandlung zurĂŒck. Die BegrĂŒndung: Angebliche Rechtsfehler. P. war vorlĂ€ufig ein freier Mann. Doch in SaarbrĂŒcken konnte man nicht neu verhandeln, denn der Psychologe hatte ein Attest eines SaarbrĂŒcker Psychiaters in HĂ€nden, das ihm VerhandlungsunfĂ€higkeit bescheinigte. Es wurden ihm Depression und AngstzustĂ€nde attestiert. Der Beschuldigte hatte es sich selbst anfertigen lassen. Nachdem das Landgericht erst im April dieses Jahres ein psychiatrisches Gutachten beauftragt hatte, konnte im September der Prozess neu beginnen. Denn dem Gutachten zufolge ist  P. verhandlungsfĂ€hig! Der Versuch des Angeklagten, in einem ausschweifenden Brief an das Landgericht die Beurteilung seines psychischen Zustandes zu relativieren, scheiterte. Unter anderem berief sich P. darin auf seine „suizidalen Tendenzen und Absichten“ sowie auf „soziale Phobien, Schulangst und depressive Phasen“ in seiner frĂŒhen Kindheit. Bis zum Verhandlungsbeginn war er nach wie vor auf freiem Fuß.  Zum ersten Termin erschien er nicht, wurde auf Anordnung des Vorsitzenden Richters Ralf Schwinn in einer exklusiven Privatklinik in Bayern festgenommen.

Kein neues psychiatrisches Gutachten

Derzeit deutet vieles darauf hin, dass P. im Falle einer Verurteilung zu einer Haftstrafe verurteilt werden könnte und nicht in einer psychiatrischen Klinik landet. Verteidiger Lars Nozar hatte seit Beginn des neuen Prozesses immer wieder darauf hingewiesen, dass sein Mandant nicht verhandlungsfĂ€hig sei. Eine der BegrĂŒndungen: Er bekĂ€me gar nicht mit, was wĂ€hrend den Verhandlungen gesprochen wird. Der SaarbrĂŒcker Rechtsanwalt stellte einen Antrag auf ein erneutes psychiatrisches Gutachten. Dieser wurde nun vom Gericht abgelehnt. Richter Schwinn begrĂŒndete die Entscheidung damit, dass der Angeklagte auf Ansprache reagiere. Denn P. folgt immer sofort der Aufforderung, seinen wohl aus Angst vor Pressefotografen ĂŒber den Kopf gezogenen Pullover runterzuziehen. So auch vor der Verhandlung am Dienstag. Nach dem Hinweis seines Verteidigers, dass „niemand mit Fotos“ da sei, reagierte P. sofort und zog den Pullover vom Kopf. Auch an den schlechten körperlichen Zustand des Angeklagten glaubt der Richter nicht.

P. beschÀftigte Bundesverfassungsgericht

Im Oktober dann der nĂ€chste Versuch des Angeklagten, sich aus den MĂŒhlen der Justiz auszuklinken, zumindest augenscheinlich. Er hatte beim Bundesverfassungsgericht (BVerfG) beantragt, aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden. Ohne Erfolg: Die Karlsruher Richter wiesen den Antrag zurĂŒck.

Gericht lÀsst Buch des Angeklagten als Beweis zu

Der Anwalt der Nebenklage, Prof. Dr. Christian Laue – er vertritt das mutmaßliche Opfer – hatte einen Antrag gestellt, dass ein Buch, das der Beschuldigte 2019 veröffentlicht hatte, als Beweis zugelassen wird (Lesen Sie auch: Die verstörenden Thesen des Angeklagten P.). In dem Werk relativiert der Angeklagte PĂ€dophilie, vergleicht Missbrauchsprozesse mit Hexenprozessen. Laue will damit beweisen, dass Walter P. nicht krank, sondern ein echter PĂ€dophiler ist, sich mit der PĂ€dophilenbewegung identifiziert. Beim Verhandlungstermin am Dienstag hat das Gericht den Beweis zugelassen. Nun mĂŒssen der Staatsanwalt und die RechtsanwĂ€lte den Schmöker wĂ€lzen. Die Schöffen haben das Buch bereits gelesen. Der Prozess wird fortgesetzt.

Michi Jo Standl
Artikel mit Freunden teilen
Share on Facebook
Facebook
Pin on Pinterest
Pinterest
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.