Crime

Missbrauchsprozess

Psychologe soll sich schon vor über 30 Jahren an Alleinerziehende rangemacht haben

25. September 2020 | 12:46 Uhr
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Eine heute 57-Jährige sprach über ihre Beziehung zum wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern angeklagten Walter P.

Von Michi Jo Standl

Saarbrücken. Weiterer Verhandlungstag vor der Großen Jugendkammer II des Landgerichts Saarbrücken am Freitag: Dem Saarbrücker Psychologen Walter P. wird vorgeworfen, sich von 2004 bis 2006 an einem Jungen, der bei ihm in Therapie war, missbraucht zu haben. Dem heute 74-Jährigen wird erst jetzt der Prozess gemacht, weil 2012 der Bundesgerichtshof das Urteil (6 Jahre Haft) wegen Verfahrensfehler aufgehoben hat. (storyrecherche.de berichtete). Seitdem galt P. aufgrund eines Attests als verhandlungsunfähig. Ein aktuelles vom Gericht beauftragtes psychiatrisches Gutachten bescheinigt , dass P. sehr wohl verhandlungsfähig ist.

Das Schweigen des Psychologen

In den Gerichtssaal wurde P. von einem Justizbeamten im Rollstuhl geschoben, den Kopf mit seinem Pullover verdeckt. Nach der Aufforderung des Richters, sich zu zeigen, zog der Psychologe seinen Mund-Nasen-Schutz bis über die Augen, stellte sich offenbar schlafend – sagte kein Wort, beantwortete keine Fragen des Richters. P.’s Verteidiger Lars Nozar versuchte, seinen Mandanten erneut aus der Affäre zu ziehen: Es sei nur fair, wenn der Angeklagte nicht nur physisch, sondern auch psychisch anwesend sei. Doch der Vorsitzende Richter Ralf Schwinn stieg auf den Versuch nicht ein.

„Mir viel schon auf, dass er an mir kein Interesse hat“

Als Zeugin war auch eine heute 57-Jährige geladen. Nicht zum aktuellen Gegenstand der Verhandlung, sondern damit das Gericht mehr über P’s vermeintliches pädophiles Leben erfährt. Die Frau hatte den Psychologen in den 80er Jahren über eine Kontaktanzeige kennengelernt. Jung, alleinerziehend, wenig Geld. Sie sah P. als freundschaftlichen „Gönner“. Er kümmerte sich um ihr Kind, spielte mit ihm, verreiste mit den beiden – unter anderem an den Genfer See. „Wir hätten uns das alles nicht leisten können“, erzählte die Frau dem Richter. Den Wunsch nach einer Beziehung gab sie irgendwann auf. „Ich merkte schon, dass er an mir kein Interesse hatte.“ An dem Tag, an dem ihr Sohn nicht mehr zu P. wollte und er sich offenbarte, wusste sie warum. Der Psychologe soll ihn missbraucht haben! Anzeige hatte die damals junge Mutter nicht erstattet, aus Angst dass ihr niemand glauben würde und um ihren Sohn zu schützen.

Buch soll P.’s Pädophilie beweisen

Auch ein Buch soll die Pädophilie des Beschuldigten beweisen. Dieses hat P. 2019 veröffentlicht. Er relativiert darin sexuelle Handlungen mit Kindern. Der Anwalt der Nebenklage, Prof. Dr. Christian Laue, der das vermeintliche Missbrauchsopfer vertritt, hat das Buch als Beweisantrag gestellt. Alle Verfahrensbeteiligten sollen den Text zum Lesen bekommen. Ob das Gericht den Antrag zulässt, ist noch nicht klar. 

Zum ersten Verhandlungstag Anfang September war P. nicht erschienen, hielt sich in einer exklusiven Privatklinik in Bayern auf. Dort wurde er vor dem zweiten Termin festgenommen. Jetzt wartet P. in der JVA Saarbrücken auf das Urteil. Der Prozess wird am 1. Oktober fortgesetzt.

Michi Jo Standl
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