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Foto: TheDigitalArtist/pixabay.com (Symbolbild)

Doppeltes Leid: Deshalb werden Verbrechensopfer gemobbt

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Lesedauer 3 Minuten

Opfer von Straftaten werden immer wieder gemobbt. Gerade die Betroffenen in Aufsehen erregenden FĂ€llen sehen sich mit Cybermobbing konfrontiert. So absurd alles erscheint, Psychologen kennen die Ursachen.

Von Michi Jo Standl

Dieses Jahr jĂ€hrt sich die Flucht der Wienerin Natascha Kampusch zum 15. Mal. 1998 wird Natascha als ZehnjĂ€hrige auf dem Schulweg entfĂŒhrt, verbringt acht Jahre in einem Kellerverlies in Straßhof bei Wien. Der Fall schlĂ€gt weltweit hohe Wellen. 2006, noch im Jahr ihres spektakulĂ€ren Entkommens aus den FĂ€ngen ihres Peinigers Wolfgang Pƙiklopil, gibt sie im österreichischen Fernsehen ORF ihr erstes Interview. Die Tragödie bekommt ein Gesicht. Sie erfĂ€hrt allerdings nicht nur Mitleid. Im Gegenteil: Nach der ersten medialen Schockstarre wird sie im Internet beleidigt und beschimpft, als Selbstdarstellerin und sogar als geldgierig tituliert. 2019 veröffentlich sie sogar ein Buch ĂŒber ihre Erfahrungen: Cyberneider. Diskriminierung im Internet. Aber auch Betroffene weniger bekannter Verbrechen werden gemobbt. Doch warum begegnen Menschen Opfern mit so viel Hass?

„Ein Grund fĂŒr Cybermobbing gegen Opfer von Straftaten ist die sogenannte TĂ€ter-Opfer-Umkehr“, sagt Univ.-Prof. Dr. Herbert Scheithauer von der Freien UniversitĂ€t Berlin. „Menschen neigen dazu, die Schuld beim Opfer zu suchen.“ Psychologen sprechen von Victim Blaming. „Der oder die wird das schon verdient haben“, erklĂ€rt der Diplom-Psychologe die Schlussfolgerung vieler Menschen. Scheithauer erklĂ€rt das PhĂ€nomen an einem klassischen Beispiel: „Nachdem eine Frau vergewaltigt wurde, kann es durchaus heißen: ,HĂ€tte sie nicht so einen kurzen Rock angezogen‘.“

„Schlechte Menschen erfahren Schlechtes“

Die TĂ€ter-Opfer-Umkehr hat aus psychologischer Sicht verschiedene Ursachen. „Zum einen suchen Menschen GrĂŒnde fĂŒr das Geschehene“, so Prof. Scheithauer. „Zum anderen kommt noch eine andere Hypothese ins Spiel: Der Gerechte-Welt-Glaube.“ Menschen glauben an das Gute in der Welt und ziehen nach einem Verbrechen den Schluss, dass Schlechtes nur schlechten Menschen widerfahren kann. Schlussfolgerung: Das Opfer muss selbst schlecht sein, sonst wĂ€re ihm das nicht passiert.

Mechanismus fĂŒr den Selbstschutz

Der Gerechte-Welt-Glaube verursacht im Umkehrschluss bei vielen Menschen auch eine Art Abwehrreaktion zum Eigenschutz: „Mir kann so etwas nicht passieren, denn ich bin ja nicht schlecht.“ „Diesen Mechanismus zeigen immer wieder wissenschaftliche Experimente“, weiß Scheithauer. „Wenn wir Opfer als Schuldige sehen, entlastet das uns selber, wir fĂŒhlen nicht mehr so verletzlich, da es uns nicht auch passieren kann – vermeintlich.“

VerstÀrkter Effekt bei bekannten Opfern

Opfer, die nach einer bekannten Straftat in die Öffentlichkeit geraten sind, wie Natascha Kampusch, haben zusĂ€tzlich noch mit den gleichen Problemen wie Prominente zu kĂ€mpfen. „Wir wissen aus Studien, dass negative Schicksale von Prominenten als weniger schwerwiegend angesehen werden, als die der Leute von Nebenan. GegenĂŒber Prominenten wird weniger Empathie gezeigt“, erklĂ€rt Scheithauer. „Das verstĂ€rkt dann noch das Cybermobbing gegen solche Opfer.“

Michi Jo Standl
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