Die Spielregeln des Weintransports

Erstveröffentlichung: Deutsche Verkehrs-Zeitung (DVZ) / Artikelbild: DWI

Von Michi Jo Standl

Beim Weinkonsum liegt Deutschland aktuell mit 20,3 Mio. hl pro Jahr (2013) weltweit an vierter Stelle. Aber lĂ€ngst sind es nicht mehr nur Weine von Rhein und Mosel oder dem europĂ€ischen Ausland, die im heimischen Handel landen. Auch SĂŒdafrika, Chile oder Kalifornien stehen im Wettbewerb mit den heimischen Winzern – eine Herausforderung fĂŒr Weinlogistiker.

Einer der großen Player im Segment der Low-Price-Weine ist die Peter Mertes KG, nach eigener Aussage Deutschlands grĂ¶ĂŸte Weinkellerei. Das Unternehmen mit Sitz in Bernkastel-Kues holt einerseits Fassware bei den heimischen Winzern ab und importiert andererseits aus europĂ€ischen Weinbauregionen und aus Übersee. Das PfĂ€lzer Traditionsunternehmen beliefert Discounter sowie Supermarktketten wie Lidl und Rewe und exportiert weltweit. 35 Prozent der in Flaschen, Dosen und Bag-in-Boxes – also Kartonagen, in denen sich ein Beutel mit Zapfhahn befindet – abgefĂŒllten Ware gehen in den Export. „Große Mengen sind keine Frage mangelnder QualitĂ€t“, erklĂ€rt Johannes Drexler, Direktor Logistik und Einkauf von Peter Mertes. Das sei der gleiche Wein, den die Produzenten in Eigenregie vermarkten. Die Winzer schaffen es einfach nicht, die ganzen Mengen selbst abzufĂŒllen.

Weinkontingente werden vermittelt

Zwischen Winzer und AbfĂŒller ist ein KommissionĂ€r geschaltet, der Weinkontingente mit einer Provision von ĂŒblicherweise 4 bis 5 Prozent an den AbfĂŒller vermittelt. Bei Weinbauern innerhalb Deutschlands holt Peter Mertes den Fasswein mit den eigenen elf Scania-LKW ab. Alle Fahrzeuge sind mit emissionsschwachen Euro-VI-Motoren sowie roll- und widerstandsoptimierten Reifen ausgestattet. Auch ansonsten achtet das Unternehmen auf Umweltfreundlichkeit. Drexler plant viele Touren als RundlĂ€ufe mit wenigen Leerkilometern. Den Import aus dem europĂ€ischen Ausland und aus Übersee ĂŒbernehmen verschiedene Logistikpartner. Wer beauftragt werde, hĂ€nge davon ab, wer in welchem Trade am besten aufgestellt sei, erklĂ€rt Drexler. Unter anderem arbeitet Peter Mertes mit der Mainzer JF Hillebrand Group AG zusammen. Der Nachfragezyklus im WeingeschĂ€ft erlebt zu Weihnachten eine Spitze. Auch bei den Sorten gibt es wĂ€hrend des Jahres Unterschiede. Im Sommer werden eher Weißweine verlangt, im Winter Rotweine.

Flexitanks in der Beschaffung Usus

Sowohl bei LKW-Transporten innerhalb Europas als auch bei Überseelieferungen kommen sogenannte Flexitanks (FLTC) zum Einsatz. Die 24 000-l-Version der aus strapazierfĂ€higem Gummi- oder Polypropylengewebe bestehenden Beutel passt genau in einen 20-ft-Container. Ein Einwegtank in dieser GrĂ¶ĂŸe kostet etwa 300 bis 600 EUR inklusive Zu- und Ablauf- sowie EntlĂŒftungsventil. Die Bags lassen sich umweltfreundlich recyceln, Reinigungskosten entfallen. Die Folien mĂŒssen stabil und luftundurchlĂ€ssig sein, damit der Wein möglichst wenig mit Sauerstoff in BerĂŒhrung kommt.

Bevor die Ware in den Keller gepumpt wird, werden bei Peter Mertes direkt am LKW sogenannte Fassproben gezogen und im Labor geprĂŒft, ob die Werte mit denen ĂŒbereinstimmen, die beim Einkauf vereinbart wurden. Nach der CuvĂ©e-Herstellung, bei der verschiedene Rebsorten zum Endprodukt komponiert werden, geht der Wein in die AbfĂŒllanlagen. Die Zentrallager der deutschen Handelsketten werden von regionalen Transportpartnern beliefert, in den Export gehen die Weine auf Basis ganzer LKW oder Container. Bahntransporte organisiert Drexler allerdings nicht. Diese sind ohnehin in der Weinlogistik selten. Innerhalb Europas werden nur 10 Prozent der Weintransporte mit der Bahn, der Rest auf der Straße durchgefĂŒhrt.

Sonne und ErschĂŒtterung vermeiden

Wein lebt, er arbeitet stĂ€ndig. Deshalb muss vor allem bei der Auslieferung von Flaschenwein darauf geachtet werden, dass das Gut nicht direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist. Das ließe den Wein zu schnell altern. Auch ErschĂŒtterungen sollen vermieden werden. Diese könnten dazu fĂŒhren, dass der Bodensatz, das sogenannte Sediment, das sich wĂ€hrend des Reifeprozesses in der Flasche absetzt, aufgewirbelt wird. Beim Schiffstransport ist deshalb der beste Standplatz fĂŒr die Container unter Deck in der Mitte des Schiffs. So kann vermieden werden, dass der Wein durch die Bewegungen des Frachters ĂŒbermĂ€ĂŸig in Mitleidenschaft gezogen wird.

Einen Vorteil hat Wein gegenĂŒber anderen Lebensmitteln: WĂ€hrend in den meisten Food-Bereichen bestimmte, enge Temperaturbereiche vorgeschrieben sind, bewegt sich die zulĂ€ssige Temperaturspanne fĂŒr Wein im Bereich von 6 bis 25 °C. Allerdings glt es darauf zu achten, dass die Ware nicht mehr als 1 °C Temperaturschwankung pro Tag ausgesetzt ist. Um das zu erreichen, mĂŒssen die Container permanent ĂŒberwacht werden.

Onlinehandel fordert Logistiker

Das Konsumenteninteresse an einer großen Auswahl von Weinen aus allen Kontinenten spiegelt sich auch im Onlinehandel wider. Von 2001 bis 2012 ist die Anzahl der Bestellungen aus Deutschland um ĂŒber 1300 Prozent angestiegen. Das stellt Logistiker vor neue Aufgaben.

„Die Ware muss immer zeitnĂ€her geliefert werden“, weiß Frank Göbels, GeschĂ€ftsfĂŒhrer der IWL Internationale Wein Logistik GmbH. Endverbraucher erwarten die Ware spĂ€testens am ĂŒbernĂ€chsten Tag, B2B-Kunden am Folgetag der Bestellung. „Wir ĂŒberlegen sogar, in einigen Regionen eine Same Day Delivery zu etablieren“, so Göbels.

Mit den geringen AbstĂ€nden werden auch die Bestellungen immer kleiner, wodurch die Transporteure mit Mischpaletten fahren mĂŒssen, was eine Herausforderung an die Sicherung der Ware stellt. Das Unternehmen mit Sitz in Tornesch (Schleswig-Holstein) ist auf die Lieferung hochwertiger Flaschenweine spezialisiert – Preislage nach oben offen.

FĂŒr den optimalen Transport von Wein gibt es nicht viele Anbieter in Deutschland. Ob Ware aus klassischer Order oder Onlinebestellung, Göbels weiß, wie der Wein bei den Kennern ankommen muss: „Wenn es darum geht, den Wein umzuschlagen und zwischenzulagern, haben die meisten Logistikunternehmen ein KĂŒhllager, aber kein klimatisiertes Lager.“ Das ist aber wichtig, um den Wein sowohl im Sommer als auch im Winter auf der richtigen Temperatur zu halten und die Luftfeuchtigkeit regulieren zu können. „Wir halten die hochwertigen Weine auf 18 °C und 65 Prozent Luftfeuchtigkeit“, so Göbels. „Neben uns machen das zum Beispiel noch die WIV Wein International AG, KĂŒhne + Nagel sowie JF Hillebrand“, so der Marktexperte.