fall pascal
Bernhard M├╝ller w├Ąhrend der Einweihung des "Gedenkstein gegen das Vergessen" f├╝r Pascal 2017 auf dem Friedhof in Schwalbach. Foto: Standl

Missbauchsopfer: Pascal-Freund Bernhard M├╝ller: „Ich lasse mich nicht mobben“

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In einem bewegenden Live-Video spricht Bernhard M├╝ller, Freund des seit 2001 in Saarbr├╝cken vermissten Pascal und damals selbst Missbrauchsopfer, ├╝ber den Fall, Mobbing und unwahre Behauptungen.

Von Michi Jo Standl

Saarbr├╝cken. Am 30. September 2001 verschwindet der damals f├╝nfj├Ąhrige Pascal Zimmer im Saarbr├╝cker Stadtteil Burbach bis heute spurlos. Zum letzten Mal wird der Junge, der aus sozial schwachen Verh├Ąltnissen stammt, auf dem „Burbacher Oktoberfest“, das zu diesem Zeitpunkt auf den sogenannten Saarterrassen abgehalten wird. Gro├čangelegte Suchaktionen in Saarbr├╝cken und dem nahegelegenen Frankreich verlaufen ohne Ergebnisse. 2002 ger├Ąt die Burbacher Schmuddelkneipe „Tosa-Klause“ nach Hinweisen von Bernhard M├╝ller in den Fokus der Ermittler. Die Wirtin Christa W. soll Kinder im Hinterzimmer an Stammg├Ąste „verkauft“ haben. Der schwerwiegende Verdacht: Pascal soll dort missbraucht und anschlie├čen get├Âtet worden sein. 2004 beginnt ein Monsterprozess gegen die Wirtin und elf ihrer Stammg├Ąste. Der Prozess endet 2007 mit Freispr├╝chen mangels Beweisen. In einem abgetrennten Verfahren kommt es 2003, also noch vor Beginn des Mordprozesses, „lediglich“ zu einem Urteil wegen Missbrauchs an Pascal und seinem Freund Bernhard M├╝ller.

Bernhard sucht die ├ľffentlichkeit

2011 initiiert die „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen“ den „Gedenkstein gegen das Vergessen“. Er erinnert an Pascal und alle missbrauchten Kinder. Die Gestaltung ├╝bernimmt der K├╝nstler Bruno Harich. Der Stein steht auf dem Friedhof im saarl├Ąndischen Schwalbach. Nachdem der Vorsitzende der Initiative, Johannes Heibel,┬á jahrelang einen Platz f├╝r die Stele gesucht hatte, vor allem nat├╝rlich in Saarbr├╝cken, erkl├Ąrt sich 2017 der Schwalbacher Pfarrer Hans-Georg M├╝ller bereit, dass das Mahnmal auf „seinem“ Friedhof einen w├╝rdigen Platz finden kann. Bei der Einweihung bekommt „Tobias“, wie Bernhard anonymisiert lange von den Medien genannt wird, zum ersten mal ein Gesicht. Er h├Ąlt eine bewegende Rede f├╝r seinen Freund Pascal.

„Viele Leute sprechen mir mein Schicksal ab“

Bernhard betreibt einen Blog und eine Facebook-Seite. Diese Aktivit├Ąten helfen ihm dabei, das Schreckliche zu verarbeiten. Am 21. Februar 2021 dann ein f├╝r ihn weiterer wichtiger Schritt: Er stellt sich in einem Facebook-Live-Video Fragen von Usern, redet dar├╝ber wie es ihm heute geht, ├╝ber seinen Umgang mit dem „Fall Pascal“ und auch ├╝ber Corona. Aufgrund der Pandemie muss er derzeit mit seinen Therapiesitzungen pausieren. „Das macht sich bei mir bemerkbar“, gesteht er ein. Was er zum Einstieg erz├Ąhlt, macht besonders fassungslos. „Ich bekomme immer wieder Mails, in denen mir Leute das absprechen, was ich erlebt habe“, so der heute 26-J├Ąhrige. „Das ├Ąrgert mich und raubt mir viel Energie“. Er empfiehlt ihnen dann, sich mit dem Fall zu besch├Ąftigen, damit sie wissen, was er erlebt hat. „Viele wollen es┬á nicht verstehen, ich lasse mich aber nicht mobben.“ Auch ein zweiter Vorwurf, der eigentlich keine Rolle spielen d├╝rfte, ├Ąrgert ihn: Es wird oft behauptet, Pascal sei gar nicht sein Freund gewesen. Sie h├Ątten sich nur des ├ľfteren zum Spielen getroffen. Auch darauf hat Bernhard M├╝ller eine klare Antwort: „Er war f├╝r mich ein guter Freund!“

„Die Behauptung, Pascal und ich seien nicht missbraucht worden, ist nicht wahr“

├ťber die Diskussion um den „Gedenkstein gegen das Vergessen“ macht sich Bernhard auch Gedanken. Auf die Frage, warum das Mahnmal in Saarbr├╝cken, dem eigentlichen Ort der schlimmen Geschehnisse, keinen Platz gefunden hat, antwortete er: „Es wurde auch hier behauptet, Pascal sei nicht missbraucht worden“. Auf eine Anfrage der Initiatoren des Gedenksteines an die Stadt Saarbr├╝cken 2011 nach einem geeigneten Platz zeigt die damalige Oberb├╝rgermeisterin Charlotte Britz (SPD) Unverst├Ąndnis, lehnt sogar ein Treffen ab. Eines ihrer Argumente: Das Schicksal Pascals sei nicht aufgekl├Ąrt worden. Die „Saarbr├╝cker Zeitung“ zitierte sie damals: Auf einem Denkmal von sexuellem Missbrauch auszugehen sei also falsch. „Das ist nicht wahr“, sagt Bernhard M├╝ller. „Pascal und ich sind missbraucht worden.“

„Die Vorw├╝rfe gegen mich rauben mir viel Energie.“
Bernhard M├╝ller, Missbrauchsopfer

Verurteilung wegen Missbrauchs an Pascal und Bernhard

Die Aussage Charlotte Britzs ist in Zusammenhang mit Missbrauch nicht richtig. Denn lediglich der Mord an Pascal kann in dem langwierigen Prozess nicht bewiesen werden, deshalb die Freispr├╝che. Doch f├╝r den Missbrauch an Pascal und Bernhard wird der damals 49-j├Ąhrige Peter S., am 17. Oktober 2003 von der Jugendkammer IV des Landgerichtes Saarbr├╝cken zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt. Des weiteren ordnet der Richter die anschlie├čende Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Nach der Aussage von Britz w├Ąre im Umkehrschluss Peter S. unschuldig verurteilt worden. Oder kennt die ehemalige Sozialdezernentin einen der aufsehenerregendsten Kriminalf├Ąlle Deutschlands, der sich in ihrer Heimatstadt abgespielt hat, zu wenig?

Bernhard w├╝nscht sich nichts sehnlicher, als dass der Fall aufgekl├Ąrt wird. „Vor allem zur Genugtuung der Hinterbliebenen“, wie er sagt. Pascals Eltern sind beide tot. Seine Mutter stirbt 2005, noch w├Ąhrend des Prozesses, an Hirnblutung, sein Vater nur gut zwei Wochen sp├Ąter nach einer Schl├Ągerei in einer Kneipe im von Saarbr├╝cken-Burbach etwa 15 Kilometer entfernten P├╝ttlingen an einem Herzinfarkt. Zu den Hinterbliebenen Pascals z├Ąhlen noch eine Tante und zwei Stiefschwestern.

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Michi Jo Standl
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