Wie steht es um die Inklusion in Deutschland?

Inklusion ist ein dehnbarer Begriff, der immer wieder in gesellschaftspolitischen Debatten auftaucht. Vieles, wie die Gleichstellung behinderter Schüler, wird erst seit ein paar Jahren von den Landtagen in Angriff genommen. Die Gleichwertigkeit von Menschen mit Handicap ist aber für viele nichtbehinderte Menschen nicht selbstverständlich. Abseits der politischen Bühne geht es um das Bewusstsein jedes Einzelnen. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin hat Prominente gefragt, wie es ihrer Ansicht nach in Deutschland um die Inklusion steht. Die Antworten hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können.

Nina Ruge
Foto: GFDH/Andre Fichte

In Deutschland gibt es jede Menge gelebte Inklusion und damit wunderbare Vorbilder, Motivatoren und Brückenbauer. Darauf können wir stolz sein. Und natürlich gibt es noch Luft nach oben! Wer zum Beispiel die Unternehmen und Konzerne, die großen und kleinen Handwerksfirmen, Shops sowie Behörden erlebt, die für gelungene Inklusion beim Inklusionspreis des Unternehmensforums ausgezeichnet werden, bekommt weiche Knie. Umfassende, von den Mitarbeitern und den Chefetagen gelebte Inklusion. Auf der anderen Seite hapert es bei der Umsetzung der Inklusion – zum Beispiel in den Schulen. Da denke ich: Der Wille ist da, doch die Erfahrung fehlt! Also keine Hektik, kein Druck, sondern aus den Erfahrungen lernen und stetige Verbesserung anstreben, dranbleiben. Die Inklusion ist in unseren Herzen angekommen – jetzt gilt es, sie praktisch zu leben, und dafür braucht es auch… Nachhaltigkeit und Geduld!“

Nina Ruge, Journalistin und Autorin, war von 1989 bis 1994 Co-Moderatorin im ZDF heute-journal, startete 1994 die ZDF Nachtnachrichten „heute Nacht“ und moderierte 1997 bis 2007 das ZDF-Magazin „Leute heute“. Zudem verfasste sie 22 Bücher. Die gebürtige Münchnerin lebt bewusst und trägt ihre nachhaltige Lebensweise auch nach außen. So ist sie UNICEF-Botschafterin, Schirmherrin für das „Netzwerk von und für Frauen mit Behinderung in Bayern“ und engagierte sich für den Verein „19,6 Millionen Klub“, dessen Anliegen die Herzgesundheit von Frauen ist. 2013 war sie Botschafterin für die Belange von Menschen mit Behinderung der von Menschen mit Behinderung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. www.nina-ruge.de

Volker Westermann
Foto: inklusiv-kochen.de

Ich erlebe die Inklusionsdebatte in Deutschland meist sehr politisch und an Gesetzen orientiert. Was mir dabei oft fehlt, ist der emotionale Aspekt. Denn erst wirkliche Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen lassen das Thema vom Kopf ins Herz gehen. Mein Wunsch ist ein offenes Miteinander, ein gutes Gespräch, ein herzliches Lachen und das Schaffen von Gemeinsamkeiten. Denn diese zarten Bande sind der eigentliche Beginn der Barrierefreiheit.“

Volker Westermann, Moderator, Journalist und Showkoch, hat Glasknochen. Bekannt wurde er mit seiner Kabel 1-Sendung „Dinner for everyone“, in der er zusammen mit behinderten und nichtbehinderten prominenten Gästen seiner großen Leidenschaft – dem Kochen – nachgeht. Der gebürtige Badener ist in ganz Deutschland mit Kochevents unterwegs und engagiert sich für die „Aktion Mensch“. www.volkerwestermann.de

Rolf Zuckowski
Foto: M. Gamper

Ein so großes, wichtiges und in die Breite gehendes Anliegen wie „Inklusion“ kann aus meiner Sicht schon verbal gesehen nur bedingt gelingen, zumal wenn man auch die Kinder dafür gewinnen will. Ein Wort in unserer Muttersprache würde nicht nur mehr Verständnis und Bereitschaft fördern, sondern auch viele Herzen öffnen. Darum spreche ich lieber von „Einbeziehung“. Meine Stiftungsprojekte vor Ort („Kinder brauchen Musik“) zeigen mir, dass wir erst am Anfang einer langen Entwicklung stehen. Da muss noch viel Bewusstsein und guter Wille geweckt werden. Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten zu benennen, sollte kein Tabu sein. Bewährte Einrichtungen für Kinder mit besonderem Förderbedarf strahlen oft eine Geborgenheit und menschliche Wärme aus, die nicht fahrlässig aufgegeben werden dürfen.

Der Liedermacher, Komponist, Musikproduzent und „Hamburger Jung“ Rolf Zuckowski hat sein Leben der Musik für Kinder verschrieben. Er wurde 1982 zusammen mit seinen Freunden mit „… und ganz doll mich“ bekannt. Das Album „Einmal Leben“ ist sein neuestes Projekt. Zuckowski engagiert sich für die Lebenshilfe, im Speziellen für behinderte Kinder. www.musik-fuer-dich.de

Dr. Peter Radtke
Foto: privat

Deutschland hat in den zurückliegenden Jahrzehnten erhebliche Fortschritte in Sachen Integration gemacht. Doch Integration ist noch lange nicht Inklusion. Es genügt nicht, nur dabei zu sein. Es geht auch – und besonders – darum, gestaltend an der Gesellschaft mitzuwirken. In dieser Hinsicht stehen wir noch ganz am Anfang. Doch das ist weniger besorgniserregend als die Tatsache, dass weite Kreise der Bevölkerung (selbst unter den Betroffenen und den so genannten Fachleuten) Inklusion als bloße Utopie ansehen. Mit solcher Haltung bleibt sie tatsächlich ein unerreichbares Ziel.“

Der studierte Germanist und Romanist sowie Schauspieler und Autor Dr. Peter Radtke ist aufgrund einer Glasknochen-Krankheit auf den Rollstuhl angewiesen. Mit Michael Blemheims „Licht am Ende des Tunnels“ initiierte er 1978 in München das erste deutsche Behinderten-Theaterstück. Viele weitere Werke folgten. Radtke ist zudem Autor zahlreicher Bücher und Hörspiele sowie Mitglied des Deutschen Ethikrates und im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft „Behinderung und Medien“. www.peter-radtke.de