Lebenswerter Alltag mit Handicap


Für Menschen mit einer Behinderung sind Ärzte, Sanitätshäuser und Therapeuten wichtige Personen, um trotz körperlicher Einschränkung mit Genuss am Leben teilnehmen zu können. Das SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazin berichtet für Sie, wie dies in der Praxis aussieht.

Von Michi Jo Standl
In Deutschland leben rund 4,6 Millionen Menschen mit einem körperlichen Handicap. Dazu zählen unter anderem Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, denen Beine oder Arme fehlen und Blinde. Ein Netzwerk aus Ärzten, Sanitätshäusern, Therapeuten und anderen Experten sorgt mit Fachwissen und modernster Technik dafür, dass diese Menschen zurück in einen lebenswerten Alltag gelangen. In Deutschland gibt es gut 1.100 Vorsorge-und Rehabilitationseinrichtungen. Diese haben die Aufgabe, die Leistungsfähigkeit der Patienten wiederherzustellen und ihnen zu ermöglichen, aufs Neue am sozialen Leben teilzunehmen, wie Dr. Klaus Herz, Chefarzt der Fachklinik St. Hedwig, im saarländischen Illingen erklärt.

Intensives Therapieprogramm

Nachdem ein Patient in eine Reha-Einrichtung verlegt wurde, steht ein intensives Therapieprogramm an, das meist mehrere Wochen dauert. Zusammen mit Sanitätshäusern, der Patient hat dabei die freie Wahl, und den Kostenträgern werden die notwendigen Hilfsmittel angepasst. Die Rehabilitation baut auf die Maßnahmen der Krankenhäuser auf. „Die Maßnahmen der Akutkliniken werden immer besser“, sieht der 59-jährige Mediziner die Zusammenarbeit als wichtigen Faktor im Heilungs- und Inklusionsprozess.

Sanitätshäuser zwischen Technik und Trost

Die reha teams der Sanitätshäuser sind für die Beratung, Auslieferung und Einweisung der notwendigen Hilfsmittel, wie Rollstühle, Treppensteiger oder Pflegebetten, zuständig. Nachdem verschiedene Hilfsmittel ausprobiert wurden, wird vom Arzt eine Verordnung oder ein Rezept ausgestellt. „Die Beratung der Sanitätshäuser ist wichtig, da zum Beispiel die Art des Rollstuhles vom Krankheitsbild abhängig ist“, erklärt Patrick Schulz, Orthopädie-Mechaniker und Geschäftsführer des Sanitätshauses Lattrich in Neunkichen im Saarland. „Es gibt die Standard-Rollstühle in verschiedenen Breiten und Höhen. Bei einer Querschnittslähmung zum Beispiel ist es aber notwendig, dass der Rollstuhl passgenau angefertigt wird“, fährt Jörg Lattrich, ebenfalls Geschäftsführer des Unternehmens, fort. Nach der Beratung und mit der Verordnung wird ein Kostenvoranschlag für die Krankenkasse erstellt und von dieser gegebenenfalls genehmigt. Auch für den laufenden Service, wie nachträgliche Einstellungen, Änderungen oder Reparaturen, Geschäftsführer, Orthopädie-Mechaniker und ausgewiesene reha team-Experten im Doppelpack: Patrick Schulz und Jörg Lattrich vom Sanitätshaus Lattrich stehen ihren Kunden bei allen, auch kniffligen Fragen rund um Hilfsmittel, wie Rollstühle, Treppensteiger oder Pflegebetten, zur Verfügung. ist gesorgt. Lattrich fährt fort: „Das ist das, was einen Fachbetrieb vor Ort von Onlineanbietern unterscheidet.”

Fingerspitzengefühl ist gefragt

Die beiden wissen aber auch, dass es im Umgang mit den Patienten nicht nur um Technik und Bürokratie geht. Menschen, die im Krankenhaus erfahren haben, dass sie zum Beispiel nie mehr gehen können, sind oft in einer schwierigen psychischen Verfassung. Umso mehr muss der Reha-Techniker beim ersten Kontakt in der Klinik mit Fingerspitzengefühl vorgehen. „Für den Beruf ist nicht jeder geeignet“, erzählen die beiden Geschäftsführer. „Wir hatten eine Mitarbeiterin, die uns leider verlassen hat, da sie mit den Schicksalen der Patienten nicht zurecht gekommen ist“, so Lattrich.

Träume leben trotz Behinderung

Viele betroffene Menschen tun sich schwer, in ein soziales Umfeld zu finden. Aber manchen gelingt doch das für Außenstehende schier Unglaubliche. Sie schaffen etwas, für das sie ohne Behinderung vielleicht gar keinen Ansporn gehabt hätten. Einer von denen, die ihren Traum leben, ist der Aschaffenburger Michael Amtmann. Der heute 65-jährige ist im Alter von fünf Jahren an Kinderlähmung erkrankt, von der Körpermitte abwärts vollständig gelähmt und inzwischen großteils auf den Rollstuhl angewiesen. Doch er hat sich einen Traum erfüllt, der über Jahrzehnte hinweg zu zerplatzen drohte. Er ist Privatpilot und darf eine Piper PA-28 fliegen.

Behindertengerechte Flugzeugsteuerung

Schon als Kind interessierte er sich für Flugzeuge, las Bücher und baute Modelle. 1971 ist er in den Flugsportclub Aschaffenburg eingetreten, hat jede freie Minute auf dem Flugplatz verbracht, „Hilfs- und Towerdienste versehen“, wie er erzählt. „Ich bin auch als Copilot bei längeren Auslandsflügen mitgeflogen.“, erinnert er sich. Michael Amtmann hat in den vergangenen Jahrzehnten, noch als Copilot im Team, mehrere Meisterschaften gewonnen. Die Sehnsucht, die Steuerung selbst in die Hand zu nehmen, wurde immer größer. Doch die an der entscheidenden Stelle sitzenden Flugmediziner wollten ihm keine Chance geben. Bis er 1983 nach einer dreitägigen Untersuchung im flugmedizinischen Zentrum der Luftwaffe in Fürstenfeldbruch endlich für die Pilotenlizenz zugelassen wurde. Seine Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. Dann hat er angefangen, selbst eine behinderungsgerechte Steuerung für Flugzeuge vom Typ Piper PA-28 zu entwickeln. 1991 wurde diese zugelassen. „Ich bin der erste Deutsche mit einer Behinderung dieser Art, der auf ganz offiziellem Weg die Privatpilotenlizenz bekommen hat“, sagt er stolz. 1993 hat er zusammen mit anderen Flugbegeisterten die „Interessensgemeinschaft Luftsport treibender Behinderter“ („Die Rolli Flieger“) gegründet. Derzeit würde er aufgrund von Spätfolgen der Kinderlähmung nicht fliegen, sagt Amtmann etwas traurig. Er gebe aber die Hoffnung nicht auf, irgendwann wieder am Steuer sitzen zu können. Altersobergrenzen gibt es beim Fliegen keine. Er fügt noch hinzu: „Wer sich für unseren Flugsport interessiert, kann sich gerne über unsere Website www.rolliflieger.de melden.“

Um den Alltag zu meistern, bekommen Menschen mit Behinderung also umfangreiche Hilfe von außen, doch um die eigenen Lebenswerte für sich so zu gestalten, wie man sie haben möchte, bleiben sie autarke und selbstbestimmende Menschen.

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