Interview Freediver Tim Oehmigen

INCLUDE Magazin

„Ich fühle mich im Wasser so wohl wie an Land“

Interview: Michi Jo Standl

Foto: privat
Foto: Privat

Tim Oehmigen ist der derzeit erfolgreichste Apnoetaucher Deutschlands und einer der besten der Welt. INCLUDE Magazin hat den Konstanzer im Mai während der Vertical Blue-Meisterschaften auf den Bahamas erreicht und zum Interview gebeten – einen Tag nach dem der 28-Jährige seinen dritten Deutschlandrekord in Folge aufgestellt hat. 93 Meter tauchte er dabei in der Disziplin „Constant Weight“, tauchen ohne Hilfsmittel, wie etwa Flossen.

INCLUDE Magazin: Wie sind Sie zum Freediving gekommen?
Oehmigen: Das war eher Zufall. Vor fünf Jahren hatte ich an der Uni Konstanz, an der ich damals studiert hatte, einen Kursangebot für Apnoetauchen gesehen. Da hatte ich mich dann angemeldet und habe Gefallen daran gefunden. Ich bin dann relativ schnell Instructor geworden und zum Wettkampf gekommen.

INCLUDE Magazin: Und dann ging es gleich in die Ozeane der Welt?
Oehmigen: Nein, die ersten zwei Jahre bin ich nur im Bodensee getaucht.

INCLUDE Magazin: Und jetzt ist Apnoetauchen ihr Beruf?
Oehmigen: Ja, ich arbeite neben den Wettkämpfen auch als Instructor und unterrichte Freitauchen. Nebenbei bin noch als Konzertagent für das „Mini Rock Festival“, das jährlich in Horb am Neckar stattfindet, tätig. Da kann ich von überall aus arbeiten.

INCLUDE Magazin: Hatten Sie immer schon von einer Sportkarriere geträumt?
Oehmigen: Nein, auch das war Zufall. Ich wollte nach dem Studium ein bis zwei Jahre Zeit in Freediving stecken. Dann hatte ich mich aber ziemlich schnell weiter entwickelt und bin innerhalb eines dreiviertel Jahres von 60 auf 90 Meter gekommen. Mit diesem hohen Level habe ich dann weiter gemacht.

INCLUDE Magazin: In Deutschland scheint Apnoetauchen wenig verbreitet zu sein?
Oehmigen: Die Leute halten allgemein Freitauchen für sehr gefährlich. Sie vergleichen unseren Sport mit Basejumping oder Freeclimbing. Dabei ist unsere Art zu tauchen nicht so gefährlich wie die sogenannten Extremsportarten. Im Gegensatz zu Freeclimbing zum Beispiel sind bei Freediving die Sicherheitsstandards sehr hoch. Wenn man diese einhält, ist das Freitauchen sehr sicher. Man taucht immer am Seil, mit dem man mit einem Karabiner verbunden ist. Man taucht auch nicht ins sprichwörtliche Blaue. Vor dem Tauchgang sagt man immer eine Tiefe an, die am Seil durch einen Stopper festgelegt wird. Man taucht auch niemals alleine!

INCLUDE Magazin: Es kann wirklich nichts passieren?
Oehmigen: Wenn man stark an der Grenze taucht, kann es passieren, dass aufgrund des Sauerstoffmangels hypoxische Anzeichen eintreten. Das macht sich daran bemerkbar, dass motorische Fähigkeiten aussetzen oder man sogar bewusstlos werden kann. Das ist auch ein Grund für die Angst vieler Menschen vor diesem Sport. Athleten sehen dann eventuell aus, wie eine Leiche. Es ist aber nicht weiter schlimm. Dieser Zustand sieht für jemanden, der den Sport nicht kennt, ziemlich erschreckend aus. Sobald man an der Oberfläche ist und das Gesicht wieder an der Luft ist kommt man nach zehn bis 15 Sekunden wieder zu sich. Beim Wettkampf muss man auch ein sogenanntes Protokoll abgeben. Der Taucher muss nach dem Auftauchen das Equipment am Gesicht abnehmen, das OK-Zeichen geben und sagen „I am OK“ – und zwar genau in dieser Reihenfolge. Wenn man das nicht macht, zählt dieser Tauchgang nicht. So stellt man fest, ob die Leute klar im Kopf sind.

INCLUDE Magazin: Hatten Sie nach dem Auftauchen auch schon einmal gesundheitliche Probleme?
Oehmigen: Ohnmächtig war ich noch nie, aber Hypoxie hatte ich schon öfters.

INCLUDE Magazin: Welche Voraussetzungen braucht man, wenn man diesen Sport ausüben möchte?
Oehmigen: Gesund sollte man sein. Ansonsten kann eigentlich jeder Apnoetauchen lernen. Wenn man Schlank ist, tut man sich bei den Tauchgängen leichter. Es gibt aber auch Taucher, die eine kräftigere Figur haben. Und mental gesehen hilft auch Gelassenheit. Das ist besser, als wenn man aufgeregt ist.

INCLUDE Magazin: Haben Sie zum Element Wasser eine besondere Beziehung?
Oehmigen: Für mich war Wasser noch nie abschreckend, ich habe es immer gemocht. Ich sehe Wasser als was völlig Normales an. Ob ich im Wasser bin oder an Land, macht für mich keinen Unterschied aus.

INCLUDE Magazin: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.
Oehmigen: Ich danke.

 

Faszination Freediving
Auf seiner Facebook-Seite bloggt Tim Oehmigen regelmäßig über seine Tauchgänge. Auf die User warten dort faszinierende Videos, Fotos und leidenschaftliche Beschreibungen seines Sports.

Was ist Apnoetauchen?
Apnoetauchen, Freediving oder Freitauchen ist tauchen ohne Atemzufuhr. Der Sportler nutzt nur den einen Atemzug vor dem Abtauchen. Es gibt mehrere Disziplinen, zum Beispiel mit und ohne Monoflosse. Man unterscheidet zwischen Pooltauchen und Tiefseetauchen. Tim Oehmigen ist vor allem auf Tiefseetauchen spezialisiert. Freitauchen hat eine lange Geschichte. Bereits in der Steinzeit haben Apnoetaucher zum Beispiel Muscheln und Schwämme an die Wasseroberfläche geholt oder mit Speeren Fische gejagt. Das Wort „Apnoe“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Nicht-Atmung“.