HEY HELLO, HOAMAT!


Der stille Weltstar


Im idyllischen Grundlsee im Salzkammergut ist Alfred Jaklitsch verwurzelt. In den achtziger Jahren zog er mit der Eurodance-Band Joy aus, um die Menschen rund um den Globus in Euphorie zu versetzen. Mit seinen Seer hat er seiner Heimat ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Von Michi Jo Standl

Foto: René Langer

Wenn Alfred Jaklitsch auf den Altausseer See im steierischen Teil des Salzkammerguts blickt, weiß er: Hier ist zuhause, immer schon. Dieses Gefühl drückt er seit 1996 mit seiner Band Seer aus. Sechs Musiker und die zwei Sängerinnen Sassy und Astrid beschreiben ein Guats Gfühl, ein Wild’s Wossa oder auch einfach ihr Dahoam – Wohlbefinden, Liebe, Heimat. Jaklitsch ist Gründer und kreativer Kopf der Formation. Die Songs schreibt er größtenteils selbst in seiner ausseerischen Mundart. Deshalb macht er sich keine Gedanken über Schubladen, in die Musik oft gesteckt wird. „Wir singen ganz einfach seerisch“, sagt der Musiker. Er ordnet den Stil der Band weder der Volksmusik noch dem Pop und auch nicht dem Schlager zu. „Klar verwenden wir immer wieder Elemente aus der Volksmusik, weil sie im Salzkammergut verankert ist“, so Jaklitsch.

Genauso lässt er aber Pop, Reggae oder Rock einfließen. „Es gibt nichts Langweiligeres, als nur eine musikalische Richtung zu verfolgen“, beschreibt er seine Intuition. „Für die Mundart habe ich mich entschieden, weil sie charmant ist und man viel ausdrücken kann. Mundart ist direkt und unmittelbar“, so der 58-Jährige. Er will positive Energie vermitteln und erzählt stolz: „Unsere Lieder sind in Situationen zu hören, bei denen viel Gefühl eine Rolle spielt, etwa auf Hochzeiten, aber auch auf Beerdigungen.“

Vom Salzkammergut um die Welt

Mittlerweile haben die Seer 15 Studioalben produziert, sind im Alpenraum Superstars, füllen große Hallen und Open Airs. So auch ihr eigenes, das SEER Open Air, das jährlich tausende Fans nach Grundlsee führt. Doch angefangen hat Alfred Jaklitschs Karriere viel früher, nämlich im Jahr 1984. Die Liechtensteiner stimmten für das Wahlrecht für Frauen ab, in Deutschland und Österreich wurde die Gurtpflicht eingeführt, und Dieter Bohlen und Thomas Anders veröffentlichten als Modern Talking ihre erste Single You’re My Heart, You’re My Soul.

In Grundlsee, weit weg von den Pop-Metropolen, beschlossen währenddessen die drei musikbegeisterten Freunde Alfred Jaklitsch, Manfred Temmel und Andy Schweitzer, ihr Hobby zum Beruf zu machen. „Wir waren drei Landpomeranzen, die Popstars werden wollten – egal wie“, erinnert sich Jaklitsch. Die Band Joy war geboren. Lost in Hong Kong und Touch by Touch hatten die Jungs schon geschrieben, ausgedacht zu Hause in Grundlsee. Sie schickten Demos an das österreichische Label OK Musica. Dieses erkannte das Potential und bat den Produzenten Michael Scheickl, die drei aus dem Ausseer Land zu unterstützen. Scheickl war zu dem Zeitpunkt schon bekannt. Zusammen mit Elisabeth Engstler vertrat er 1982 als Duo Mess Österreich beim Grand Prix de la Chanson in Harrogate.

Wir saßen zusammen im Studio in Wien und überlegten, wie wir die Titel umsetzen könnten“, erinnert sich Jaklitsch. Schnell war klar: Es müssen Eurodance-Nummern werden! „Discofox war damals das Maß aller Dinge, wie heute Schlager“, erklärt der Steirer. Ein Stück Heimat ist dennoch in Touch by Touch zu hören: „Die für den Song typische Ziehharmonika, auch wenn es ein Synthesizer war, ist quasi auch ein Element aus der Volksmusik“, lacht Jaklitsch. Beide Songs erreichten als Singles Chartplatzierungen in Österreich und Deutschland. So richtig los ging es aber 1986 mit dem Album Hello. Mit dem wohl in allen Sprachen verständlichen Wörtchen begrüßte das österreichische Trio die halbe Welt. Denn das Album wurde in 30 Ländern veröffentlicht. Darauf befanden sich auch der gleichnamige Hit und der Song Valerie. Vor allem in Asien und dem damaligen Ostblock wurden die Jungs zu Superstars.

„Wir waren schon auch coole Jungs“

Nicht nur in den Songs sieht Alfred Jaklitsch den Erfolg von Joy begründet. „Wir waren schon auch coole Jungs“, scherzt er, „alle über 1,90 Meter. Gerade in Asien fielen wir natürlich auf.“ 1987 führte die Steirer ihre Tour nach Bangkok, Hongkong, Singapur, Taiwan und Seoul. Hinter dem Eisernen Vorhang, wie etwa in der Sowjetunion und der DDR, durften sie auftreten, weil ihre Texte unpolitisch waren. In Russland werden sie auch heute noch verehrt. Bereits mehrmals traten Joy in jüngster Zeit bei den riesigen Achtziger-Jahre-Partys des Radiosenders Autoradio auf. Auch andere Stars, wie Dieter Bohlen, Thomas Anders und Sandra, werden für die Megaevents gebucht. Auf die Frage, warum die Russen unsere Achtziger-Stars lieben, hat Jaklitsch eine schlüssige Antwort: „Unsere Erfolgsjahre fielen genau in die Zeit von Glasnost und Perestroika. Dieses Gefühl des Umbruchs feiern die Menschen dort noch heute nach Generationen.“

Wenig Verständnis zeigt Jaklitsch für Künstler, die ihre früheren Hits nicht mehr singen wollen: „Man kann doch stolz darauf sein, wenn man irgendwann einen Song erschaffen hat, der Menschen heute noch berührt und auf die Tanzflächen bringt.“ Er ist stolz darauf, wenn die Leute durch seine Musik von damals heute noch emotional berührt sind und sich erinnern, zum Beispiel an den ersten Kuss. „Man sollte schätzen und respektieren, was man erreicht hat. Als Künstler begibt man sich auf eine musikalische Reise und wenn man Erfolg hat, sollte man dankbar sein“, beschreibt Jaklitsch seine Einstellung zu seiner einzigartigen Karriere, die bestimmt noch lange nicht zu Ende sein wird, weder mit Joy noch mit Seer.

Veröffentlichung: hossa! Magazin für Schlager und Volksmusik