GÖTZ ALSMANN

„Das Feuilleton hasst die Nummer Eins“

Jazzmusiker Götz Alsmann über Schlager, Erfolg und die Veränderung der Musik-Wahrnehmung.

Interview: Michi Jo Standl

Foto: Fabio Levino/Blue Note Germany

Viele kennen Götz Alsmann als Moderator der WDR-Sendung Zimmer frei – Prominente suchen ein Zuhause, die 2016 nach 20 Jahren eingestellt wurde. Der Münsteraner ist aber vor allem Musikwissenschaftler und Jazzmusiker. Die Album-Trilogie Götz Alsmann in … Rom, Paris und New York fand große Beachtung. Die Lieder hat er tatsächlich vor Ort in der jeweiligen Stadt in legendären Studios produziert. Teilweise sind auch Stücke zu hören, die man dem Schlager zuordnen kann, wie Die Capri-Fischer. In hossa! erklärt der Multiinstrumentalist, wie er den deutschen Schlager sieht.

Was ist Schlager aus Ihrer Sicht?
Schlager bezeichnet im Ursprung keine Musikrichtung. Der Begriff kommt von der Bezeichnung „Verkaufsschlager“. Das erste Mal wurde das Wort in Zusammenhang mit dem Johann-Strauß-Walzer An der schönen blauen Donau gebraucht. Aufgrund des guten Verkaufs der Notenblätter hat man gesagt: „Das ist ein Verkaufsschlager.“ Die Schlagermusik hat sich im Laufe der letzten hudert Jahre so oft komplett verändert, dass „Schlager“ heute allgemein ein anderes Wort für „Unterhaltungsmusik in deutscher Sprache“ ist.

Auf ihrem Album Götz Alsmann in Rom findet sich auch der Klassiker Die Capri-Fischer, oft gecovert, unter anderem von den Flippers. Macht Sie das zum Schlagersänger?
Bedingt. Der Unterschied zu anderen ist, dass wir von Haus aus eine Jazzband sind. Wir spielen Schlagermaterial in einer jazzhaften Art und Weise. Bully Buhlan etwa galt in den vierziger- und fünfziger Jahren als Schlagersänger. Er wurde aber oft von lupenreinen Jazzbands begleitet. Seine Lieder wurden jedoch damals schon deshalb automatisch als Schlager bezeichnet, weil er sie in deutscher Sprache dargeboten hat.

Den Unterschied macht also auch die Sprache aus?
Denken Sie an die Beatmusik! Wenn deutsche Künstler wie Drafi Deutscher auf Deutsch Beat gesungen haben, wurden sie automatisch dem Schlagersegment zugeordnet. In Frankreich oder Italien wurde die Beatmusik ganz selbstverständlich in der Landessprache gesungen und galt dennoch als echter Beat. Hier wurde er nur auf englisch von den Beatfans akzeptiert.

Sind die Meinungen zu Schlager damals schon auseinander gegangen?
Ich glaube, dass sich damals die Jugendrevolution in Deutschland weniger über die Musikrichtung definiert hat, als vielmehr über die Sprache. Das kann ein Grund sein, dass der Schlager heute so distanziert von anderen Musikrichtungen betrachtet wird. Die später deutsch singenden Künstler haben sich dann eher als Rock-Interpreten gesehen. Stellen Sie sich mal vor, Udo Lindenberg hätte gesagt, er mache Schlager, aber auf eine andere Art und Weise. Dann wäre das Wort keineswegs bei manchen Leuten diskreditiert. Den Konflikt um den deutschen Schlager halte ich für völlig überflüssig.

Zeitungen schreiben teilweise gerne gegen erfolgreiche Schlagerkünstler wie Helene Fischer. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Das Feuilleton liebt den Geheimtipp und hasst die Nummer eins. Das ist so und das war schon immer so.

Worauf führen Sie zurück, dass der deutsche Schlager gerade bei jungen Leute wieder gut ankommt?
Meiner Meinung nach ist Musik heute kein ideologisches Mittel mehr, zumindest nicht mehr in dem Ausmaß wie in den sechziger- und siebziger Jahren. Einer meiner Musiker war bei einem Konzert der Ärzte. In der Schlange am Bierstand hörte er jemanden sagen: „Also beim Andrea-Berg-Konzert letzte Woche hat das mit dem Bier besser funktioniert!“ Die Fraktionen haben sich längst aufgelöst oder überlappen sich zumindest. Ich glaube, dass wir Musiker uns da einen zu großen Kopf machen. Die Leute wollen einfach Musik hören, egal wie das heißt.

Manche Leute sind der Meinung, Schlager groovt nicht. Ist das so?
Nein, das ist mir zu pauschal. Es gibt auch Rock- und Popmusik, die nicht groovt. Jede Musikrichtung hat Lieder, die besser oder schlechter funktionieren.

Man erinnert sich gerne an die Zeit der ZDF-Hitparade. Wäre es heute noch möglich, einen Schlager zu produzieren, der klingt wie in den siebziger Jahren?
Ja, das würde schon gehen, auch von der Studiotechnik her. Aber wenn ein neuer Künstler das machen würde, hätte er große Probleme, im Schlagersegment Fuß zu fassen. Ein echter Revivalsound wäre zum Beispiel eine hübsche Attraktion für ein Theatergastspiel. Aber damit in die Breite zu gehen… die Zeit ist vorbei. Dieter Thomas Kuhn spielt mit seiner Band ja die ganzen alten 70er Schlager, aber mit modernen Pop-Arrangements und als Parodie. Mit seinem Konzept hat er dem deutschen Schlager gut getan – als Party und Live-Attraktion.

Die Musik ist heute kein ideologisches Mittel mehr.“
Götz Alsmann, Musiker

Veröffentlichung: hossa! Magazin für Schlager und Volksmusik